Aberkennung der Bürgermedaille und Umbenennung der Straße

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Ausgangslage:

 

Edeltraut Klapproth, geb. Gathmann (13.06.1909 – 08.09.2005), genießt als Künstlerin ein hohes Ansehen in Karlsfeld und weit darüber hinaus. In ihren Bildern und Büchern hat sie die vermeintlich „gute alte Zeit“ liebevoll und romantisierend festgehalten. Anhand dieser Werke wird anschaulich, wie Karlsfeld und Allach vielleicht früher einmal ausgesehen haben könnten. Edeltraut Klapproth war zudem Gründungs- und Ehrenmitglied des Karlsfelder Kunstkreises. Der Gemeinderat hat ihr 1998 die Bürgermedaille verliehen und 2008 beschlossen, eine Straße nach ihr zu benennen. Außerdem zierten ihre Bilder lange Jahre die von der Gemeinde herausgegebenen Jahreskrüge. Im Rathaus und Heimatmuseum hängen noch heute viele Bilder von ihr.

 

Neue Erkenntnisse zum Lebenslauf:

 

Im Jahr 2023 war eine Kunstausstellung mit Werken von Edeltraut Klapproth in Muro Lucano geplant. Eine Arbeitsgruppe bestehend aus Mitgliedern des Kunstkreises und des Heimatmuseumsvereins unter Leitung des Zweiten Bürgermeisters Stefan Handl bereitete diese Ausstellung vor.

 

Ziele waren:

 

  1. Die Vorstellung von Karlsfelds bekanntester Künstlerin in unserer Partnerstadt

 

  1. Eine anschauliche Darstellung der städtebaulichen Entwicklung Karlsfelds durch Gegenüberstellung von Klapproth-Bildern und aktuellen Fotos

 

Im Zuge der Recherchen zur Ausstellung wurden Hinweise auf Widersprüche zum bislang bekannten Lebenslauf von Frau Klapproth während der NS-Zeit gefunden. In ihrem Buch „Am Unterlauf der Würm“ schrieb sie selbst: „Ich heiratete dann nach Ostpreußen, in die Landwirtschaft…“ und weiter „Mein Mann war gefallen…“ sowie „Mein Mann war Soldat“. In der Informationsbroschüre der Gemeinde 2008 heißt es: „Sie heiratete nach Ostpreußen und kam 1945 mit dem Winter-Flüchtlingstreck mit ihren acht Kindern zurück nach Karlsfeld.“ 

 

Nach Auswertung aller inzwischen verfügbaren Unterlagen, Recherchen im Internet und Befragung eines Münchner Historikers ist die Faktenlage aber wie folgt: Edeltraut Gathmann wurde bereits am 01.05.1930 und somit deutlich vor ihrer Hochzeit mit Erich Klapproth im Jahr 1931 und drei Jahre vor der sog. „NS-Machtergreifung“ NSDAP-Mitglied.

 

Es kann angenommen werden, dass eine Person, die bereits zu diesem frühen Zeitpunkt Mitglied wurde, das möglicherweise nicht nur wegen des gesellschaftlichen Drucks der Zeit getan hat, sondern auch aus einer persönlichen politischen Überzeugung heraus.

 

Edeltraut Gathmann heiratete 1931 in Allach Erich Klapproth, der in den zwanziger Jahren der sog. Schwarzen Reichswehr angehörte, einer paramilitärischen Geheimorganisation, die durch einen bewaffneten Putsch den Sturz der Weimarer Republik vorbereitete. Innerhalb dieser Organisation verübte Erich Klapproth zahlreiche Morde an vermeintlichen Verrätern (Fememorde), für die er zum Tode verurteilt wurde. Er wurde auf Intervention von NSDAP-Reichstagsabgeordneten aus der Haft entlassen, begnadigt und machte anschließend Karriere in der SA.

 

Im Herbst 1939 zog die Familie Klapproth von Allach in die nach dem Überfall der Wehrmacht soeben besetzte polnische Stadt Sejny, wo sie ein (enteignetes) Landgut mit Fischerei bewirtschafteten. Dort kamen sehr wahrscheinlich polnische Zwangsarbeiter zum Einsatz. Erich Klapproth fungierte in den besetzten polnischen Gebieten auch als NSDAP-Kreisleiter. Edeltraut Klapprotz trat dort im Jahr 1944 auch noch der NS-Frauenorganisation bei. Anfang 1945 floh die Familie vor der roten Armee zurück nach Allach und Karlsfeld. Dort übernahm Erich Klapproth kurz vor Kriegsende den Posten des Allacher Volkssturmführers. Er wurde am 03. Mai 1945 vor seinem Haus in der Birkenstraße erschossen.

 

Entscheidungsrahmen:

 

Vor dem Hintergrund der neu gewonnenen Erkenntnisse war vom Gemeinderat zu prüfen, ob Frau Klapproth weiterhin dem Anspruch an eine Trägerin einer hohen kommunalen Auszeichnung genügt und ob die Straßenbenennung weiterhin gerechtfertigt erscheint.

 

Es ging bei der vom Gemeinderat zu treffende Entscheidung ausdrücklich nicht um eine Bewertung der Künstlerin und ihrer Werke. Es ging ausschließlich um die Frage, ob eine Person, die sich in der Zeit nach der NS-Diktatur nicht offen mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt und sich klar distanziert, sondern bewusst verschleiert hat, den moralischen Anforderungen gerecht wird, die an eine Trägerin einer hohen Auszeichnung gestellt werden müssen.

 

Ob Edeltraut Klapproth schon zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit 1931 wusste, welche Verbrechen ihr (15 Jahre älterer) künftiger Ehemann wenige Jahre vorher begannen hat, kann hier ebenfalls außer Acht gelassen werden. Entscheidend ist alleine ihre eigene Haltung zum Nationalsozialismus, der gemeinsame Lebensweg während des Krieges sowie der Umgang mit der eigenen Vita nach dem Krieg.

 

Fakt ist hier: Edeltraut Klapproth war sehr früh (noch vor ihrer Hochzeit und deutlich vor der sog. „Machtergreifung“) selbst NSDAP-Mitglied, sie war Ehefrau eines NSDAP-Funktionärs und hat mit ihm zusammen ein enteignetes Gut in den militärisch von der Wehrmacht eroberten Gebieten in Polen bewirtschaftet (wahrscheinlich unter Einsatz von Zwangsarbeitern). Dort trat sie zudem einer NSDAP-Frauenorganisation bei. In der Summe ist daher davon auszugehen, dass sie nicht die „unschuldige Ehefrau und Mutter“ war, die nur von ihrem Ehemann in die NS-Kreise hineingezogen wurde. Fakt ist ferner: Sie kam Anfang 1945 nicht als „Soldatenwitwe“, sondern zusammen mit ihrem Mann wieder nach Bayern, wo dieser bis zum endgültigen Zusammenbruch des Regimes weiterhin in Funktionen war (Leiter Volkssturm Allach).

 

Selbst wenn eine junge Mutter während der nationalsozialistischen Herrschaft zum Schutz des eigenen Lebens und ihrer Kinder kaum die Möglichkeit gehabt hätte, sich offen gegen die NSDAP-Karriere ihres (noch dazu gewaltaffinen) Ehemanns aufzulehnen, wäre eine offene und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nach dem Krieg und Tod des Ehegatten nicht nur möglich, sondern zwingend nötig gewesen. Stattdessen hat sich Frau Klapproth (wie viele Deutsche) für eine Verschleierung ihrer Vita und einen „Mantel des Schweigens“ entschieden. Dies ist durch zahlreiche Dokumente (u.a. Aussagen in ihren eigenen Büchern) belegt.

 

Menschlich mag es in gewisser Weise nachvollziehbar sein, wenn man entweder aus Scham oder zur eigenen Verarbeitung nicht offen mit Verfehlungen umgeht, sondern sie verschweigt. Auch der Versuch einen Schlussstrich unter einen Lebensabschnitt zu ziehen, der mit schrecklichen Ereignissen verbunden ist (wie der Flucht vor der roten Armee und der Erschießung des Ehemanns vor der eigenen Haustüre und vor Augen der Kinder), ist vielleicht verständlich. Ein solches Verhalten wird jedoch den Ansprüchen an die Integrität einer Person, die als Trägerin einer hohen kommunalen Auszeichnung eine moralische Vorbildfunktion erfüllen soll, nicht gerecht.    

 

Wäre die vollständige bzw. korrekte Vita zum Zeitpunkt der Bürgermedaillen-Verleihung und Straßenbenennung bereits allgemein bekannt gewesen, hätte der Gemeinderat dies sicherlich kritisch in die Entscheidungen einbezogen.

 

Die ursprüngliche Benennung erfolgte nach dem damaligen Wissensstand und in einer Zeit, in der historische Hintergründe vielfach nicht in der heutigen Tiefe geprüft wurden. Mit den nun vorliegenden Erkenntnissen hätte die Gemeinde diese Entscheidung vermutlich bereits damals anders getroffen. Mit der Umbenennung und Aberkennung der Bürgermedaille übernimmt sie Verantwortung und handelt auf Grundlage des heutigen historischen Bewusstseins.

 

Es geht also darum, die damaligen GR-Beschlüsse, die auf unvollständigen bzw. teils falschen Fakten basierten, anhand der neu gewonnenen Erkenntnisse zu überprüfen:

 

Hätte man Edeltraut Klapproth, trotz unbestrittener künstlerischer Verdienste, mit dieser Vita und Haltung zur eigenen NS-Vergangenheit, dennoch mit Bürgermedaille und Straßenbenennung ausgezeichnet? Da der Gemeinderat diese Frage mit „Nein“ beantwortet hat, kann die Folge nur eine Revidierung der damaligen Entscheidungen sein, auch wenn uns dies angesichts der künstlerischen Lebensleistung sehr schwerfällt. Eine glaubwürdige Erinnerungskultur, wie wir sie seit einigen Jahren in Karlsfeld aktiv betreiben, die in Karlsfeld einen hohen Stellenwert hat, ließ ebenfalls keine andere Entscheidung zu.

 

Der Gemeinderat hat deshalb in der Sitzung vom 23. April 2026 folgende Beschlüsse gefasst:

 

  1. Frau Edeltraut Klapproth wird die Bürgermedaille Karlsfeld posthum aberkannt.

 

  1. Die „Edeltraut-Klapproth-Straße“ wird ab 01. Januar 2027 in „Am Prinzenpark“ umbenannt.

 

Die Gemeindeverwaltung wird alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um die Bewohnerinnen und Bewohner der (bisherigen) Edeltraut-Klapproth-Straße bei der Umschreibung der Ausweisdokumente zu unterstützen und den Verwaltungsaufwand möglich gering zu halten.

 

Vor dem Hintergrund der Beschlüsse braucht es einen Weg, wie in Karlsfeld künftig mit der Person und ihrem künstlerischen Werk umgegangen werden soll. Edeltraut Klapproth und ihre Bilder werden Teil der Gemeindegeschichte bleiben! Dies lässt sich auch durch eine Neubewertung der Vita nicht auslöschen und soll auch nicht so sein. 

 

Foto: Gemeinde Karlsfeld